“Es kommt mir vor, als hätte ich das Leben draußen nur irgendwann mal geträumt”

Eine lange Haftzeit… wie alles anfing:
Als ich ihn kennenlernte war ich 20 Jahe alt. Heute - fast 13 Jahre später - würde ich sagen, es hat sich um einen kleinen Flirt gehandelt, denn es war nicht von allzu langer Dauer. Doch ich sollte ihn nocheinmal wieder treffen. Knapp 2 Jahre später. Ohne für manche Leserinnen […]

Eine lange Haftzeit… wie alles anfing:
Als ich ihn kennenlernte war ich 20 Jahe alt. Heute - fast 13 Jahre später - würde ich sagen, es hat sich um einen kleinen Flirt gehandelt, denn es war nicht von allzu langer Dauer. Doch ich sollte ihn nocheinmal wieder treffen. Knapp 2 Jahre später. Ohne für manche Leserinnen und Leser in dem selben Alter überheblich klingen zu wollen - in diesem Alter hat das Herz eindeutig einen viel höheren Stellenwert als die Vernunft.

So fragte ich nie danach, woher all das viele Geld kam. Oder warum er zwischendurch mal ein oder zwei Wochen unterwegs war - geschäftlich.

Ich ahnte was er tat, aber ich wollte davon nichts wissen. Ich ignorierte das einfach alles, ich ignorierte das er immer bewaffnet war, Auslandsaufenthalte, die vornehmen Bekannten oder “Kollegen” ich verschloss davor einfach die Augen und Ohren, ich stellte keine Fragen deren Antworten mir nur unangenehm gewesen wären und er erzählte mir auch nichts. Es war so ähnlich wie ein stilles Einverständnis, das es eben gewisse Dinge gibt, über die man besser einfach nicht spricht. Ich genoss die Zeit mit einem Mann an meiner Seite, von dem ich sicher war, das er nie mehr gegen einen anderen austauschbar wäre . Die große Liebe eben.

Dieses Leben endete in dem Moment, in dem ich mich neben meinem Freund auf der Straße liegend wiederfand. Auf dem Bauch. In Handschellen. Ich weis noch, das es regnete. Und ich kann mich auch noch daran erinnern, das mein Freund zuvor plötzlich Vollgas gab, irgendwas von “Scheiße” fluchte, und ich im ersten Moment nicht verstand warum … was eigentlich passierte…und völlig hysterisch wurde. Dann gab es einen riesen Knall und überall waren Blaulichter. Der Knall rührte daher, das er in einen Polizeiwagen geknallt war. Es ging alles so schnell, das ich mich kaum an die Minuten erinnern kann, die zwischen dem Moment in dem der Wagen zum Stillstand kam bis zu dem Moment in dem ich nur Geschrei hörte: “Auf den Boden!” Und ich drehte den Kopf zu meinem Freund und höre ihn noch immer leise sagen: “Das wollte ich nicht” . Es können nur einige Minuten gewesen sein die vergingen bis wir beide aufstehen durften, aber sie erschienen mir wie Stunden.

Ich zitterte am ganzen Körper. Mir tat alles weh. Ich konnte kaum atmen, ich bekam keine Luft. Und mir schoß immer wiederkehrend eine Frage durch den Kopf : Was zum Teufel hatte er getan, dass es das hier gab? Hatte er Jemanden umgebracht? Bestimmt hatte er das. Er musste Jemanden erschossen haben oder irgendwas in der Richtung. Ich hatte das Gefühl, mir würde das Blut so laut durch die Adern rauschen, das es jeder hören müsste.

Auf dem Revier dann, sollte ich eine Aussage machen - und zum ersten Mal stellte ich fest, wie wenig ich tatsächlich wusste. Und ich kann mich noch erinnern das ich rang zwischen den Gedanken froh darüber zu sein - oder wütend.

Nach 4 Stunden durfte ich gehen.

Meinen Freund nahm man selbstverständlich in Haft.

Und da stand ich nun. Vor dem Revier, im Regen. Ich konnte nicht mal heulen. Ich versuchte einfach nur verzweifelt zu sortieren was eben gerade eigentlich passiert war.

Ich glaube in dem Moment bin ich mit einem Schlag erwachsen geworden.

Ich weis garnicht mehr genau im Einzelnen wie es damals war, es ist schon so lange her… aber er hatte schon eine nicht unerhebliche Jugendstrafe bekommen die zur Bewährung ausgesetzt war, Er hatte jedoch diverse Termine nicht eingehalten oder war schlicht nicht zu ihnen erschienen. Und jetzt liefen gleich mehrere neue Ermittlungen gegen ihn, und man suchte ihn bereits länger.

Nun, jetzt hatte man ihn ja gefunden…

Verurteilt zu Neun Jahren Haft ohne Bewährung, “….Unerlaubtes Handeltreiben mit BtM in 18 Fällen, davon in 15 Fällen in nicht geringer Menge, in 13 Fällen gemeinschaftlich handelnd, davon in 2 Fällen wegen Versuch…”

Erst da wurde mir die gesamte Tragweite des Ganzen bewusst - und auch in welcher Gesellschaft ich mich befunden hatte. Herzlichen Glückwunsch. Ich trennte mich.

Erst eine ganze Weile später nahmen wir erneut Kontakt zueinander auf. Scheinbar hatte er endgültig begriffen, worüber er während seines Tun’s nie nachgedacht hatte:

Die Realität ist doch was anderes als ein Gangsterfilm - wenn auch manchmal näher dran als man glaubt.

Ich fühlte mich in gewisser Weise mit schuldig, obwohl ich nie gegen das Gesetz verstoßen hatte - Ich hatte etwas viel Schlimmeres getan: Ich hatte die Vorteile sehr wohl genutzt, ich hatte nämlich das Geld ausgegeben. Woher es kam, wollte ich aber nicht wissen, es war mir klar, das man das nicht einfach “mal eben so hat” - aber wie gesagt, in einem bestimmten Alter, gepaart mit noch genug vorhandener Naivität glaubt man noch daran, wenn man die Augen schließt, sieht einen schon keiner - man selbst sieht ja schließlich auch nichts.

Rein moralisch gesehen, empfand ich mich als Mittäter. Ich hatte aus dem Vollen geschöpft, und jetzt, nachdem ich erfahren hatte woher mein Luxus tatsächlich kam, wollte ich den Finger erheben? :roll:

Die Haftzeit war in der ersten Zeit besonders schlimm - dann, nach einer Weile, beginnt man sich damit zu arrangieren. Man beginnt sich intensiv mit allem auseinander zu setzen, beginnt einzusehen, sich neue Ziele zu setzen…und vergisst, wie viel Zeit noch vergehen wird, bis man vielleicht den Versuch starten kann, gemeinsam diese neu erworbenen Erkenntnisse und Ziele umzusetzen. Und die Uhren laufen verflucht langsam. Die Ziele, die einem zu Beginn noch euphorische Kraft verliehen haben, geraten in den Hintergrund - Sie sind noch nicht dran. Nun ja, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben…stehen wir doch einfach erstmal die Zeit irgendwie durch. Und dann sehen wir weiter…

Und draußen geht das Leben weiter - während drinnen die Uhren still stehen.

Es vergehen Monate, das erste Jahr, das nächste Jahr…. Man gewöhnt sich an die regelmäßig wiederkehrenden Zweifel des inhaftierten Partners, seine Ängste die Partnerin zu verlieren oder die Familie ( Freunde gibt es am Ende sowieso nur in verschwindend geringer Anzahl ) , man gewöhnt sich an Misstrauen und Eifersuchtsanfälle, das “am liebsten alles beenden wollen”… daran, das eine Beziehung nur noch in den Stunden der Besuchszeiten oder in Briefen - manchmal auch Telefonaten stattfindet. Manch Beziehung überlebt schon diese Probleme nicht.

Wenn Jemand aber lange genug weg gesperrt ist, treten weitere Probleme auf, mit denen der Teil, der draußen ist schwer zu kämpfen hat und das sind Anfangs nur Momente, später ist es ein Seinszustand:

Der Verlust des Bezuges zum wirklichen Leben. Und es ist sehr schwer, dabei nicht den Kopf zu verlieren, und zwar für beide Seiten. Es ist ein ständiger Versuch, sich ineinander zu versetzen - meistens kann man sich eher noch Vorstellen wie es wohl sein mag eingesperrt zu sein, als umgekehrt der Eingesperrte sich noch irgendwas von draußen wirklich vorstellen kann. Die typischen Sätze “Naja, das hätte man sich ja auch eher überlegen können” … “Er wusste doch, was er tat, nun muss er eben auch mit den Konsequenzen leben…” rücken in dem Moment in sofern in einen fast albernen Hintergrund, als das die Einsicht hierzu längst schon erfolgt ist.

Meine Erfahrung war… es gab eine Phase, in der er noch “frisch aufgewühlt” war, sich beschäftigt hat und auch festen Willens war, etwas zu ändern…die oben angesprochenen gesetzten Ziele für die Zukunft. Sie hielt etwa 2 Jahre, dann verblasste dieser Wille gemeinsam mit dieser Phase. Hinter dem Knastalltag.

Wieviel Jahre schafft man es, innerhalb des Lebens in einer Haftanstalt, diesen festen Willen aufrecht zu halten? Mein Freund jedenfalls hat irgendwann mit noch etwas ganz anderem amgefangen: Nämlich sich mit seiner aktuellen Situation abzufinden. Sich einzufügen. Das Leben draußen ist irgendwann schrecklich lange her.

Ich weis noch das mein Freund mir irgendwann mal sagte: “Es kommt mir vor, als hätte ich das Leben draußen nur irgendwann mal geträumt”

Und man selbst stellt sich nach vielen Jahren mal die Frage: “Und ich? …Habe ich das wirklich alles mit zu tragen? Kann ich es noch weiter? Für wie lange? Und vor allem : will ich es? ” Es entstehen viele, viele Fragen. Wie geht es nach einer Entlassung weiter? Wie weit hat man sich unter Umständen trotz aller Mühe voneinander entfernt?

Nach einer Entlassung ist für die Justizvollzugsanstalt ihre Arbeit beendet. Die von uns Angehörigen fängt dann erst nochmal an.

Hätte ich Straftaten begangen, würde ich jetzt vielleicht dort sitzen.

Aber ich habe keine begangen.

Trotzdem bin ich ebenso mitbestraft wie der, der inhaftiert ist. Ich erlaube mir in meinem Fall zu sagen: Vielleicht sogar noch mehr…

…Wenn ich es zu lasse.

Den Lesern dieses Artikels möchte ich eigentlich mit auf den Weg geben:

Zu Jemandem zu stehen darf niemals bedeuten sich selbst dafür aufzugeben. Entscheidet man sich dafür, eine Haftzeit gemeinsam mit dem Partner durch zu stehen, so ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen. Diese Hilfe kann ganz unterschiedlich aussehen. Schafft Euch einen Vertrauten, bei dem ihr ohne Scham berichten könnt, schreibt es einfach irgendwo nieder und hört euch andere Meinungen an… Manch einer nimmt auch die Hilfe von Psychologen an - und bei Gott , wenn es den gibt, muss man sich in einer solchen Situation dessen nicht schämen! Ganz allein schafft das der stärkste Mensch der Welt nicht. Etwas das noch wichtig ist, ist nicht dem Bedürfnis nachzugeben, seinen Partner manchmal zu bemitleiden. Sich auseinadersetzen zu müssen, kleinere Dinge auch allein regeln zu müssen, ist bei einer langen Haftzeit die einzige Verbindung zu einem realen Leben. Nehmt nicht alles hin, sondern fordert auch - aber überfordert nicht. Versucht Verständnis zu geben, aber erwartet auch den Versuch des Verständnisses von der anderen Seite. Vergesst nie, das es einen Grund gab, für das was jetzt ist. Und verliert nicht den Blick dafür, das der Wille etwas zu ändern, zwar von euch unterstützt - aber in dem Inhaftierten Partner selbst enstehen und reifen muss.

Ein Mensch ändert sich nicht, weil ich oder irgendjemand anderes ihm 30x gesagt hat das er sich ändern muss. Er ändert eine Einstellung nur aus sich selbst heraus. Bei von außen herbei geführten, nur dem Druck weichenden Änderungen, kommt nichts anderes heraus, als eine bitterböse Überraschung.

Um genau so eine “Überraschung” zu vermeiden, vergesst nie euch selbst. Eine Haftzeit - kurz oder lang - bewältigt man nur dann gemeinsam, wenn ihren Inhalt zu ertragen von zwei Seiten im Gelichgewicht getragen wird.

Ich wünsche allen an dieser Stelle alle Kraft der Welt - Die Kraft ein Ende zu setzen wenn es sein muss, und dies zu akzeptieren….und die Kraft durchzuhalten wenn man die sichere Gewissheit hat, das dieses Durchhalten einem gemeinsamen Ziel dient.

  1. *Jo-Jo*
    27. Februar 2007 09:00

    Gänsehaut….dass ist das Wort mit dem ich meine Empfindungen beim lesen nur ausdrücken kann. :!:
    Deine Erkenntnisse so zu schildern ist famos. Respekt für Deinen Artikel

  2. teufelchen
    23. Dezember 2009 19:32

    Dem Beitrag von Jo-Jo ich schließe mich jetzt mal an.

    Tiefen Respekt für Deinen Artikel, der all die Wahrheiten mit der Knastzeit auf den Punkt gebracht hat! Besser kann man es nicht ausdrücken.

  3.